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[4] Kondensatbildung an modernen Fenstern,
feuchte Wohnungen und (Lüftungs-)Lösungen
Dipl.-Ing. Jens Bellmer, Baubiologe IBN,
VDI-zertifiziert
Schimmelpilzbildung ist häufig ein Indiz für
besonders feuchte Raumluft und für eine viel zu geringe Außenluft-Versorgung
unserer Wohnräume. In der gebäudeanalytischen Praxis weisen
von innen beschlagene, moderne Fenster häufig auf Besonderheiten
hin. Neubaufeuchte, Rohrleckagen, aufsteigende Feuchte etc. lassen
zum Teil Kondensat, auch auf modernen Isolierverglasungen entstehen.
Immer häufiger schildern Fachleute jedoch eine solche Kondensatbildung
an entsprechenden Fenstern, obwohl keine offensichtlichen Feuchteschäden
erkennbar sind.
Das österreichische Labor für Bauphysik an der TU Graz
kommt zudem in seiner Internet-Veröffentlichung "Fenster
und Kondensatbildung - Ist unser Fensterbau noch zeitgerecht?"
zu dieser Feststellung: "In den letzten Jahren verzeichneten
wir an unserem Institut zunehmend Klagen über
das >>Anlaufen von Fenstern<<, die so genannte Kondensatbildung
am Fenster. Dies betrifft zum einen Kondensat an der Verglasung,
aber auch im Falz, bis hin zu abtropfendem Kondensat und Vereisungen.
Hand in Hand gehen diese Erscheinungen mit oft sehr emotionalen
Darstellungen der Problematik durch die Betroffenen, immer häufiger
wird mit gerichtlichen Schritten und Mängelklagen gedroht."
Falls Sie als Leser nicht mehr ganz so jung sind, können Sie
sich dann vielleicht noch an
die beschlagenen oder vereisten Fenster in Ihrer Jugend erinnern?
Vor 1970 gab es noch häufig einfachverglaste Fenster. Falls
es im Raum feuchter wurde, kondensierte das Wasser der Raumluft
sichtbar an diesen Fenstern, weil natürlich ein solches Fenster
fast überhaupt keine Isolierwirkung hatte. Ob dies energiemäßig
zu bemängeln war, darum geht es hier nicht. Mir geht es darum,
festzustellen, dass wir heute, in einigen (gar nicht mal so wenigen)
baulich und energetisch hochgerüsteten Häusern, ähnliche
Kondensatbildungen verzeichnen, wie früher bei angeblich "verwerflichen"
Baukonstruktionen.
Warum ist das so und
was kann man evtl. hieraus folgern? Eine moderne Fertigungstechnologie
garantiert Fenster mit sehr niedrigen Wärmedurchgangskoeffizienten.
Selbst bei Außentemperaturen von -10°C fällt die
Innenoberflächen-Temperatur dieser Fenster, bei normaler Raumbeheizung,
nicht unter 15°C ab. Wenn Fenster trotz dieser hohen Oberflächen-Temperaturen
dennoch Kondensat aufweisen, muss (bei normaler Beheizung) zwangsläufig
die Raumluftfeuchte sehr hoch liegen, denn ein normal geheizter
Raum weist selbst bei "astronomisch" hoher relativer Luftfeuchte
von 70% r.F. sogar noch einen tieferen Taupunkt auf, (siehe Tabelle:
tTau= 14,4°C bei tR=20°C und 70% r.F.).
Falls also moderne Fenster (von innen) kondensieren, ist in einem
normal beheizten Raum von
einem hohen Taupunkt auszugehen.
| Taupunkttemperaturen [°C]
in Abhängigkeit von der Lufttemperatur, tL[°C] und
der relativen Feuchte [%r.F.]. |
| tL/r.F. |
10% |
20% |
30% |
40% |
50% |
60% |
70% |
80% |
90% |
100% |
30°C
|
-4,3 |
4,6
|
10,5
|
14,9
|
18,4
|
21,4
|
23,9 |
26,2 |
28,2 |
30 |
| 28°C |
-5,7 |
3 |
8,8 |
13,2 |
16,6 |
19,5 |
22 |
24,2 |
26,2 |
28 |
| 26°C |
-7 |
1,3 |
7,1 |
11,4 |
14,8 |
17,6 |
20,1 |
22,3 |
24,2 |
26 |
| 24°C |
-8,4 |
-0,3 |
5,4 |
9,6 |
12,9 |
15,8 |
18,2 |
20,3 |
22,3 |
24 |
| 22°C |
-9,8 |
-1,7 |
3,6 |
7,8 |
11,1 |
13,9 |
16,3 |
18,4 |
20,3 |
22 |
| 20°C |
-11,2 |
-3,2 |
1,9 |
6 |
9,3 |
12 |
14,4 |
16,4 |
18,3 |
20 |
| 18°C |
-12,5 |
-4,7 |
0,2 |
4,2 |
7,4 |
10,1 |
12,5 |
14,5 |
16,3 |
18 |
| 16°C |
-13,9 |
-6,1 |
-1,4 |
2,4 |
5,6 |
8,2 |
10,5 |
12,6 |
14,4 |
16 |
| 14°C |
-15,4 |
-7,6 |
-2,9 |
0,6 |
3,7 |
6,4 |
8,6 |
10,6 |
12,4 |
14 |
| 12°C |
-16,8 |
-9,1 |
-4,4 |
-1 |
1,9 |
4,5 |
6,7 |
8,7 |
10,4 |
12 |
| 10°C |
-18,2 |
-10,6 |
-6 |
-2,6 |
0,1 |
2,6 |
4,8 |
6,7 |
8,4 |
10 |
| 8°C |
-19,6 |
-12,1 |
-7,5 |
-4,2 |
-1,6 |
0,7 |
2,9 |
4,8 |
6,5 |
8 |
| 6°C |
-21 |
-13,6 |
-9,1 |
-5,8 |
-3,2 |
-1 |
0,9 |
2,8 |
4,5 |
6 |
| 4°C |
-22,4 |
-15,2 |
-10,7 |
-7,4 |
-4,8 |
-2,7 |
-0,9 |
0,9 |
2,5 |
4 |
| 2°C |
-23,8 |
-16,7 |
-12,3 |
-9 |
-6,5 |
-4,4 |
-2,6 |
-1 |
0,5 |
2 |
Grundsätzlich:
Blowerdoor-gedichtete Häuser, bei denen nicht gleichzeitig
für eine wirksame Außenlufteinbringung gesorgt wird,
lassen u.U. die Raumluftfeuchte so stark "anblähen",
dass geringste Temperaturreduzierungen an Teilen der Außenhülle
ausreichen, die hohe Taupunkttemperatur der Raumluft, an diesen
Schwachstellen zu unterschreiten. Der Wohnraum wird (während
der Zeit geschlossener Fenster) fast komplett gegen den trocknenden
Außenlufteinfluss abgeschottet. Die Luftfeuchte und Taupunkttemperatur
steigen dadurch im Laufe der Nichtlüftungszeit an. Gelegentliches
Fensteröffnen reicht häufig in derart abgedichteten Wohnungen
nicht aus. Auch wenn ergiebig quer- und stossgelüftet wird,
decken Langzeitaufzeichnungen der massebezogenen, absoluten Luftfeuchte
(in g/kg tr.L.) auf, dass die im Innenraum erzeugte Wassermenge,
häufig nicht ausreichend an die Außenluft abgegeben wird,
weil u.a. nach dem Fensteröffnen, alles gleich wieder luftdicht
"versiegelt" wird.
Lösungsvorschläge:
Nun gibt es dahingehende Lösungs-Vorschläge, die Oberflächen-Temperatur
der Fenster zu erhöhen, um die hohe Taupunkttemperatur der
Raumluft noch zu überschreiten.
Dies soll z.B. mit verbesserter Funktion von konvektiven Heizkörpern
erreicht werden. Im Klartext:
Die Fensterfläche soll vom Raum her gezielter konvektiv beheizt
werden, um der feuchtemäßig aufgeblähten Raumluft
keine Möglichkeit mehr zu geben, an eben diesen erwärmten
Fensterflächen
zu kondensieren. Hohen Taupunkt-Temperaturen soll mit noch höheren
Oberflächen-Temperaturen begegnet werden. Dabei wird aber doch
das häufig anzutreffende Problem überfeuchteter Wohnungen,
immer weiter "hochgeschraubt".
Hauptsächlich sollte es doch darum gehen, den gefüllten
"Luft-Wasserballon" zu "leeren"! Die häufig
anzutreffende Ursache beschlagener Fenster, eine erhöhte Raumluft-Feuchtigkeit,
sollte also eliminiert werden. Die Natur bietet uns die Lösung.
Lassen Sie beständig frische, trocknende, Taupunkt-senkende
Außenluft in die Wohnung. Aufgrund der hohen Oberflächen-Temperaturen
moderner Fenster, kann man Kondensatbildung schon mit geringer Taupunktsenkung
vermeiden. Dies erreicht man wiederum schon mit verhältnismäßig
moderater Außenlufteinbringung. Aufgrund der oben beschriebenen
Probleme mit der Luftdichtheit, der notwendigen Sicherheit vor Kondensatbildung
und aufgrund hygienischer Aspekte sollte die Außenlufteinbringung
jedoch nicht unter einen minimalen Luftwechsel fallen. Dies könnte
man u.a. mittels dezentraler Lüftungsanlagen erreichen. Bei
ausreichender Frischluft-Versorgung trocknet dann die Raumluft und
das Baumaterial. Der Taupunkt würde auf Werte sinken, bei denen
es physikalisch gar keine Kondensation mehr geben kann, schon gar
nicht an modernen Isolierverglasungen! Hereingelüftete, durchschnittliche
Winterluft (2°C / 70% r.F. siehe Tabelle), ließe die Raumluft
selbst an 0°C kalten Fenstern nicht mehr kondensieren (da der
Taupunkt bei diesem Beispiel -2,6°C betragen würde).
Von der Außenluft berührte Hüllen kondensieren im
Winter von der Rauminnenseite. Doch gerade im Winter bietet uns
die Natur sehr trockene Luft an. Hereingelüftet würde
sie selbst leichte Wärmebrücken nicht mehr kondensieren
lassen. Diese einfache Taupunkt-Betrachtung macht deutlich, dass
z.B. so mancher Bauhandwerker zu unrecht als Verursacher solcher
Kondensations-Probleme kritisiert wird.
Warum also nicht einfach das enorme Trocknungspotential der Außenluft
ergiebig nutzen? Warum also dann noch Fenster von innen aufheizen
wollen?
Hingegen zeigen die immer häufiger geschilderten Kondensat-Probleme
an modernen Fenstern oder auch an sonstigen Schwachstellen moderner
Außenhüllen zumeist sehr deutlich, dass es in vielen
unserer Häuser zu (luft-)feucht ist und dass das Trocknungspotential
der Außenluft nicht ausreichend genutzt wird.
Zur Lüftungstechnik:
Wie zuvor beschrieben, könnte Lüftungstechnik helfen.
Auch wenn Lüftungsanlagen baubiologisch oft nicht akzeptiert
sind, sollte etwas passieren, um unsere Wohnungen wieder lufttrockener
und schadstoffärmer zu gestalten. Die DIN 1946 Teil 6 regelt
in
Bezug auf Wohnraum-Lüftungsanlagen vieles Wichtige hinsichtlich
Planung, Auslegung etc.
Das Besondere ist, dass hier nun einiges
im Wandel begriffen ist.
Die vorgenannte DIN-Norm wird aktualisiert. Als wichtigste Neuerung
wird wohl für jedes Wohngebäude ein Lüftungskonzept
zwingend vorgeschrieben werden. Der zum Feuchteschutz notwendige
Mindest-Luftwechsel soll dann ohne Nutzereingriffe sichergestellt
werden. Wenn diese Normung gültig wird, heißt dies, dass
für jeden Neubau technische Lüftungslösungen notwendig
werden. Die neue DIN 1946 Teil 6 tangiert auch wichtige hygienische
Aspekte von Lüftungsanlagen.
Die aber extra für diesen Zweck geschaffene VDI Richtlinie
6022, gilt in ihrer Neufassung schon ab April diesen Jahres und
zwar (auch das ist neu) faktisch jetzt mit für Wohngebäude.
Hierin sind
jedoch, nach Ansicht eines Großteils der Wohnraum-Lüftungsbranche,
überhöhte Vorgaben
enthalten, die viel zu sehr auf Großgebäude ausgerichtet
sind. Daher soll u.a. mit der Neuregelung
der DIN 1946 Teil 6 erreicht werden, dass sie als höheres Regelwerk
solche evtl. unangemessenen Vorgaben mindert.
Viele Fachleute sind sich sicher, dass ein ausreichender Feuchteschutz
mit manuellem Quer- und Stosslüften garantiert werden kann,
wenn denn alles richtig gemacht wird. Kann denn aber in einem hermetisch
gedichteten Haus immer alles (manuell) richtig gemacht werden? Ob
falsch oder richtig, alles deutet darauf hin, dass die neue Normung
den Wohnungs-Nutzer, diesbezüglich drastisch entlasten wird.
Die sich rasant ändernden Vorgaben kann man nicht mehr nur
mit einem verstärktem Eigeninteresse der Lüftungsanlagen-Ersteller
begründen.
Vielmehr ist es so, dass Kondensations-Schäden immer häufiger
auftreten und dass diese auf zumeist noch höchst unzureichende
Lüftungslösungen in deutschen Häusern hindeuten.
Ob manuell oder technisch, Lösungen mit Erfolgsgarantie sind
notwendiger denn je.
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