T03 Legionellen im Trinkwasser - Panisch oder systematisch handeln?

Ein Fachartikel von Dipl.-Ing. Jens Bellmer


Dipl.-Ing. Jens Bellmer

Das Trinkwasser eines Gebäudes kann mit Legionellen belastet sein. TV- und Radio-Sender berichteteten über Todesfälle. Unter Fachleuten (Ausführende Firmen, Planer) und bei Betreibern kann deshalb schon einmal übertriebener Aktionismus ausbrechen, der häufig nicht gerechtfertigt bzw. kontraproduktiv ist. Herr Bellmer schildert hier einmal als Sachverständiger, Ingenieur, geprüfter Probenehmer, was aus seiner Sicht praktische Bedeutung hat.

Möchten Sie einen allgemeinen Überblick zum Thema Trinkwasserhygiene in Gebäuden, dann schauen Sie einmal in diesen Fachartikel zur Trinkwasser-Hygiene von Jens Bellmer.

Legionellen „lieben“ nicht nur die Lunge (in der es dauerfeucht und 37°C warm ist) sondern auch Wassersysteme (Brauchwasseranlagen, Befeuchteranlagen usw.), in denen ähnliche Verhältnisse wie in der Lunge herrschen. So können sich diese Bakterien bei Wassertemperaturen zwischen 30 - 45°C rasant vermehren. Aber auch bei Temperaturen zwischen 25 – 50°C bestehen noch „günstige“ Wachstumsvoraussetzungen. Falls dieses Wasser dann z. B. mittels eines Befeuchters, eines Kühlturms oder einer Dusche in derart kleine Flüssigkeitströpfchen vernebelt wird, dass diese in der Luft schweben können (Aerosole), dann besteht die Möglichkeit, dass die Bakterien (mit dem Wasser) eingeatmet werden. Das wiederum birgt die Gefahr eines gesundheitlichen Problems. Es kann dann bei Menschen (z. B. mit angeschlagener Gesundheit) zur sogenannten Legionärskrankheit kommen. Es muss dabei klar festgehalten werden, dass das Warmwassersystem (Speicher, Rohrsystem, Entnahmearmaturen wie Duschen etc.) ein Problem aus Legionellensicht darstellen kann. Das dies nicht irgendein theoretisches Problem ist, wird klar, wenn man die Krankheitsfälle betrachtet. Tatsächlich werden in Hausinstallationen häufig Überschreitungen des Maßnahmenwertes (von 100 KBE/100 ml) festgestellt .

Grund zur Panik?

In Deutschland rechnet man mit ca. 1000 - 2000 Todesfällen pro Jahr, die durch die Legionärskrankheit. Vor allem sind ältere Menschen, Raucher sowie Menschen mit geschwächtem Immunsystem (beispielsweise Diabetiker) verstärkt betroffen. Männer erkranken dabei mehr als Frauen. Kinder sind gemäß Bayerischem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit nur selten betroffen. Die ungeklärten Fälle liegen wohl noch höher. Damit hier kein falscher Eindruck entsteht, muss klar erwähnt werden, dass jeder einzelne Todesfall der durch Legionellen entsteht einer zuviel ist. Daran gibt es selbstverständlich nichts zu beschwichtigen! Hier die Kranken-Daten für Deutschland:

  1. Der vorbenannte Fall des Einatmens feinster Wassertröpfchen zusammen mit den Legionellen passiert natürlich immer wieder und führt im Normalfall zu keiner Erkrankung. Trinkwasser-Probenehmer sind tagtäglich (und in der Regel ohne Schtutmasken) den Aerosolen von Duschanlagen ausgesetzt, die sie untersuchen. Das muss hier vor weiterer Daten-Klärung auch einmal deutlich erwähnt werden. Dies sollte an den Anfang gesetzt werden, weil ich häufig die Meinung antreffe, dass legionellenbelastetes Wasser fast immer eine schwere Erkrankung hervorrufen müsse. Das ist ganz sicher nicht der Fall. Jetzt aber zu den weiteren Zahlen:
  2. Wenn es dennoch zu einer Erkrankung kommt, dann ist es meistens das so genannte - zumeist milde verlaufende - „Pontiac-Fieber“. Diese Krankheitsform war auch schon früher bekannt als die vorgenannte Legionärskrankheit. Beim Pontiac-Fieber handelt es sich um eine fiebrige, grippeähnliche Erkrankung, die zumeist binnen weniger Tage abheilt. In Deutschland schätzt man, dass diesbezüglich jährlich mindestens 100.000 Menschen, an dieser zumeist milden Form, erkranken.
  3. Spektakuläre Legionellen-Fälle, wie in Warstein gibt es immer wieder. Dennoch sollte das Thema Legionellen und Krankheitsrisiko sachlicher aufgegriffen werden. Wie erwähnt, es gibt nichts zu verharmlosen. Die Panik, die nach einem spektakulären Legionenn-Fall einsetzt, ist zumeist nach ca. 2 Wochen verflogen. Besser wäre es, nicht panisch zu reagieren, sondern dauerhaft, sachlich und sich fachlich der Sache anzuneghmen und aus den vorgenannten Fällen, wie in Warstein die richtigen Lehren zu ziehen. 

In meiner langjährigen Tätigkeit als Trinkwasser-Probenehmer, Haustechnik-Ingenieur und Baubiologe sehe ich immer wieder, dass Angst ein schlechter Ratgeber ist! Was bringt es denn, aufgrund von Legionellenbelastungen panisch zu reagieren? Da werden dann zumeist "Kanonen auf Spatzen" abgefeuert .
Häufig werden manuelle, thermische Desinfektionen oder stoßweise Chlorungen durchgeführt, ohne dass die Anlage vorher überprüft wurde. Auf der einen Seite ist es so, dass derjenige, der dies anordnet, oft nicht mit der sicherheitstechnischen Tragweite überblickt. Es wird ja mit giftigen oder/und hochtemperierten Mitteln hantiert, die bei unachtsamer Durchführung erhebliche Sicherheitsrisiken für Mensch und Material darstellen.
Auf der anderen Seite sind die Anlagen für solche manuellen Maßnahmen manchmal gar nicht ausgelegt. So kann z. B. der Warmwasserspeicher in der Leistung viel zu klein sein, um das ganze (evtl. durch Umbauten gewachsene) Netz mit dem vorgegebenen 70 °C heißen Wasser zu durchspülen.
Am wichtigsten aber ist Folgendes und das wird sehr oft übersehen: Manuelle Desinfektionen, ob thermisch oder chemisch, machen nur Sinn, wenn sich die Anlagentechnik in einem einigermaßen bestimmungsgemäßen, planerisch und handwerklich korrekten Zustand befindet. Falls nicht, wird sich zumeist beim Vorhandensein von Stagnation oder/und ungewollter Erwärmung, schnell wieder eine bakteriologische Wasserbelastung ergeben. Dies zeigt sich immer wieder bei stoßweise durchgeführten Chlor-Desinfektionen oder auch bei manuellen Desinfektionen, vor allem dann, wenn nicht vorher anlagentechnisch dafür Sorge getragen wurde, dass das Wasser in den Leitungssystemen auch fließt.

Übermäßige Stagnation im Wassernetz kann folgende Gründe haben:

A. Kalt- und Warmwasserleitungen:
• Zu viele Sanitärobjekte für zu wenig Nutzer.
• Zu groß dimensionierte Leitungsnetze.
• Zu geringe Nutzung.

B. Warmwasser-Zirkulationsnetz:
• Zirkulationssysteme sind nicht weit genug bis zu den Zapfstellen geführt.
• Zirkulationssysteme fehlen gänzlich.
• Fehlende Einregulierung des Zirkulationsnetzes

Aufgrund vieler begleiteter Sanierungen kann ich diesbezüglich festhalten: In dem Moment, wo das Zirkulationssystem (wieder) einwandfrei arbeitet, also auch wirklich das vom Warmwasserspeicher zu den Entnahmestellen fließende Wasser aus der Tiefe der Peripherie zwangsweise zum Speicher zurückgeführt und dort temperiert wird, gehören die allermeisten Legionellenprobleme der Vergangenheit an.

Wenn man wirklich sinnvolle Maßnahmen einleiten möchte, dann gehört erst einmal die haustechnische und messtechnische Überprüfung der vorhandenen Anlagentechnik dazu. Außerdem sollte die Nutzungsintensität geprüft werden. Aus der Praxis kann ich zudem sagen, dass die Einregulierung des Zirkulationssystems ganz sicher eine der wich-tigsten Maßnahmen darstellt, die unbedingt vor jeder Form der manuellen Desinfektion erfolgen sollte. Je nach Legionellenkonzentration sollte man sich zudem nicht scheuen, die Anlage für die Nutzung zu sperren. Das hat nichts mit Panik zu tun, sondern stellt eine reine Vorsichtsmaßnahme dar.
Die vorgenannte Untersuchung sollte auf der vorhandenen Anlagentechnik/Nutzung aufbauen. Sinnvolle Maßnahmen können dann (nach Priorität geordnet) benannt werden. Es sollten also Sanierungsnotwendigkeiten und Überbrückungsmaßnahmen beschrieben werden.

Natürlich können manuelle thermische Desinfektionen oder Stoßchlorierungen sinnvolle Überbrückungsmaßnahmen darstellen. Aber eben nicht immer.
Um die Notwendigkeit einer möglichst genauen messtechnischen und haustechnischen Analyse klarzumachen:
Oftmals werden bei positivem Legionellenbefund thermische Desinfektionen durchgeführt oder Duschschläuche ausgetauscht, obwohl der Grund für die hohe Legionellenkonzentration ganz einfach wegen einer gerade abgängigen Zirkulationspumpe entstanden ist.
Weiteres Beispiel: Die erhöhte Legionellenkonzentration in einem alten Nassraum konnte dadurch stark vermindert werden, indem man ganz einfach von den vier riesigen Reihenwaschanlagen zwei komplett stillgelegt hatte. Durch die Entkoppelung und dem Rückbau der Leitungen waren die wenigen Nutzer „gezwungen“ die verbleibenden Zapfstellen zu benutzen. Das war überhaupt kein Problem für die Nutzer.
Durch die Investition in die vorgenannte Anlagen-Überprüfung erspart man es sich, solche Punkte zu übersehen.

So sollte es sein: In der Regel ist es so, dass ordentlich geplante und handwerklich einwandfrei ausgeführte Sanitärinstallationen, die auf thermischen und hydraulische Vorgaben ausgerichtet sind, vollkommen unproblematisch arbeiten. Das sind die drei Hauptregeln zur Legionellen-Prophylaxe, die dabei beachtet werden sollten:

  • Temperatur des Kaltwassersystems nicht höher als 25°C (besser unter 20°C).
  • Temperatur des Warmwassersystems nicht geringer als 60°C (im gesamten Rohrsystem bei gleichzeitigem Verbrühungsschutz an den Entnahmearmaturen).
  • Wasser muss fließen, das sagten schon die alten Römer. Dies bedingt, dass die Entnahmearmaturen nicht zu reichlich ausgelegt werden sollten. Sanitärobjekte sollten nicht wie Steckdosen in jedem Raum vorhanden sein. Das Zirkulationssystem muss richtig dimensioniert und einreguliert sein.

Wenn alles richtig gemacht wurde, dann bestehen in der Regel Legionellen-Konzentrationen von 0 bis (manchmal) 10 KBE/ 100 ml. Dies wird mittels der DVGW-Richtlinie W551 bewertet als: keine bis geringe Kontamination (siehe Tabelle 1).

"Chemie-Gläubigkeit" ist nicht gerechtfertigt

Was dann häufig bei Betreibern kommunaler aber auch gewerblicher Anlagen beobachtet wird, ist die zuvor genannte „Chemiegläubigkeit“. Das heißt, es werden teure Dauerdesinfektionsanlagen beschafft und installiert. Dies trifft aber oft nicht den Kern der Problematik und es ist doch so, dass man garnicht möchte, dass unserem Hauptlebensmittel Chemie zugesetzt wird. Ich möchte keine Stoß-Desinfektionen schlecht reden. Mir geht es um dauerhafte, chemische Behandlungen des Trinkwassersystems. Zumeist ist der Einsatz von Chemie im Trinkwasser aus folgenden Gründen nicht gerechtfertigt:

Fast immer sind die vorbenannten „Energiesparanlagen“ Altsysteme mit zum Teil vielen Abgängigkeiten und Funktionsproblemen.
Die Dosierrate des Desinfektionsmittels (welches zugemischt werden soll) reicht nicht aus, um die mikrobiologischen Probleme zu beseitigen. Das kommt daher, weil die Desinfektion des Trinkwassers ja im laufenden Betrieb stattfindet. Dabei müssen selbstverständlich die Grenzwerte der Trinkwasserverordnung eingehalten werden. Und diese Grenzwerte reichen in der Regel nicht für eine ausreichende Desinfektion.
Was zumeist von den Herstellerfirmen verschwiegen wird, ist, dass die Anlage erst einmal handwerklich in Ordnung sein muss, bevor ein Chemikalieneinsatz überhaupt Erfolg bringt. Das heißt, das Zirkulationswasser muss z. B. auch wirklich zirkulieren. Das tut es aber bei defekten Altanlagen oft nicht. Da hilft dann auch keine Chemie.

Für die Sanierung einer Altanlage müssen nicht immer hohe Geldbeträge ausgegeben werden. Häufig reichen ordentlich geplante Teillösungen (die in ein gutes Gesamtkonzept passen) in Verbindung mit manuellen Maßnahmen.

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